Vergleichstest Over-Ear-Kopfhörer – Teil 6: beyerdynamic T 70 p

Der fünfte und letzte Kopfhörer in der Vergleichstest-Runde ist ein Modell aus Deutschland: der T 70 p, hergestellt von der Heilbronner Audiotechnik-Firma beyerdynamic, die es schon seit 1924 gibt. Einen guten Ruf hat beyerdynamic durchaus – das, was ich von der Firma bisher auf oder in den Ohren hatte, hat mir eigentlich immer auch gefallen (es waren vor allem In-Ear-Kopfhörer). Der T 70 p, der hier vorgestellt und getestet wird, ist ein geschlossener Kopfhörer für mobile Zwecke (was das „p“ im Namen für „portable“ andeuten soll) – es gibt das Modell auch ohne „p“ in einer höherohmigen Variante – dann eben nicht für Mobilgeräte.

Den beyerdynamic T 70 p habe ich inzwischen viereinhalb Jahre, und es war keine Liebe auf den ersten Blick. Ich habe ihn anfangs lange ausprobiert und eingespielt, dann kaum noch verwendet, seit einem guten halben Jahr ist er wieder oft auf meinen Ohren. Warum, das wird im Laufe des Test noch erläutert.

Der beyerdynamic T 70 p sieht fast etwas klobig für unterwegs aus … ||| Foto: Ulf Cronenberg

Über das Design des T 70 p kann man, finde ich, streiten. Im Testfeld gehört er – das ist meine persönliche Meinung – nicht zu den hübschesten Modellen. Er trägt ganz schön dick auf, und irgendwie hat er keine richtig gefällige Form. Das merkt man gerade an den Kopfbügel-Enden, wo sich der Schriftzug beyerdynamic mit dem Firmenlogo befindet – das ist alles nicht wirklich harmonisch und formschön, ja, wirkt leicht hausbacken. Und die Ohrmuscheln haben ein bisschen den Flair von Gehörschutzkopfhörern … Aber über Design kann man viel streiten; und wer seinen Kopfhörer nicht als Mode-Accessoire versteht, sondern damit Musik genießen will, für den sind solche Dinge zweitrangig.

Verarbeitung & Zubehör

Grazil kommt der beyerdynamic T 70 p nicht daher – da hat man schon ordentlich was auf den Ohren, was vor allem an den ohrumgebenden Muscheln liegt. Der Schallwandler mit beyerdynamics Tesla-Technologie ist relativ weit vom Ohr entfernt – das macht die klobigen Ohrmuscheln notwendig. (Wer sich jetzt übrigens fragt, ob die Tesla-Technologie etwas mit dem kalifornischen Autohersteller zu tun hat, ist auf dem Holzweg. beyerdynamic erklärt, dass das Wort Tesla bei den Schallwandlern von der Antriebsleistung von über einem Tesla – einer Maßeinheit für die magnetische Flussdichte – kommt.) Der T 70 p sieht allerdings schwerer aus, als er ist.

Abgesehen von einem Adapter Miniklinke auf Klinke, einem Flugzeugadapter und einer schrecklich aussehenden, viel zu großen Transporttasche aus Schaumstoff und Billiglederimitat, die ich bisher kein einziges Mal einsetzen wollte, wird mit dem T 70 p nichts weiter mitgeliefert. Der Kopfhörer hat, fest an der linken Ohrmuschel angebracht, ein ziemlich dickes Kabel von ca. 1,2 m Länge, das leider nicht einfach ausgetauscht werden kann, eine Fernbedienung für Mobilgeräte fehlt. Das ist schon alles sehr puristisch. Dass das Kabel nicht ausgetauscht werden kann, gefällt mir nicht. Aber das Kabel macht zumindest einen soliden und hochwertigen Eindruck, was aber damit erkauft wird, dass es auch recht steif ist. Der um 90° angewinkelte Miniklinkenstecker sieht auch recht robust aus.

Hübsch geht anders: die Transporttasche des T 70 p || Foto: Ulf Cronenberg

Passform und Tragekomfort

So wuchtig die Ohrmuscheln sind, der beyerdynamic T 70 p sitzt wirklich bequem auf dem Kopf. Das liegt daran, dass ein angenehmer Veloursstoff verwendet wird, der nicht drückt, sondern geschmeidig auf der Haut liegt. Auch für größere Ohren dürfte es unter den Ohrmuscheln nicht eng werden – hier haben meine normal großen Ohren jedenfalls gut Platz und stoßen nicht am Rand der Ohrmuscheln an (was mich bei anderen Over-Ear-Kopfhörern immer wieder stört) .

Der Kopfbügel ist mit dem gleichen weichen Veloursstoff gepolstert, auch hier drückt bei längerem Hören nichts. Angenehm ist auch der Anpressdruck des Over-Ears an den Ohren. Er könnte für unterwegs vielleicht etwas fester sein, bei plötzlichen Kopfbewegungen verschieben sich die Ohrmuscheln etwas – aber eigentlich trifft hier der beyerdynamic-Kopfhörer meiner Meinung nach die richtige Abstimmung zwischen Tragekomfort und festem Sitz.

Die Größenverstellung des T 70 p ist vielleicht nicht das ausgefeilteste System, aber sie funktioniert zuverlässig. Leichtgängig lässt sich der Kopfhörer an die Kopfgröße anpassen, der Schiebemechanismus rastet jeden halben Zentimeter ganz leicht ein. Ein bisschen wackelig wirkt das System, aber das ist Absicht, weil sich dadurch die Ohrmuscheln leicht vertikal neigen können und an die Kopfform anpassen.

Der hübscheste Design hat der beyerdynamic T 70 p ja nicht … || Foto: Ulf Cronenberg

Der Klang

Der beyerdynamic T 70 p ist ein mobiler Kopfhörer oder besser ein Kopfhörer für mobile Geräte. Durch die geschlossen Bauweise geht man Sitznachbarn in Bus und Bahn zumindest schon mal nicht allzu sehr auf die Nerven … Auch den Außenschall hält er im Großen und Ganzen gut ab – vor vorbeifahrenden lärmenden Lastwagen muss er allerdings kapitulieren; da sind gut sitzende In-Ears doch die bessere Wahl. Wer mit dem T 70 p unterwegs ist, sollte aber beachten: Es ist nicht gerade Understatement, wenn man damit in der Öffentlichkeit unterwegs ist, dazu ist der T 70 p doch ein bisschen zu wuchtig.

beyerdynamic wird von vielen Kopfhörer-Fans geschätzt, auch wenn es immer wieder kleinere Beschwerden über den so genannten beyerdynamic-Peak (einer Überbetonung der Frequenzen um 8 KHz) gibt. Was den beyerdynamic T 70 p betrifft, so kommt er schon recht nüchtern daher und scheint keine Frequenzen besonders zu betonen. Die recht neutrale Abstimmung mögen viele Kopfhörer-Enthusiasten, mir fehlt hier für Rock- und Popmusik doch recht deutlich die Power, die ich beim Hören mag. Den T 70 p jage ich deswegen mit ziemlich deftigen Einstellungen durch einen Equalizer: mit einer Erhöhung im Bassbereich bei 80 Hz sowie einem Absenken der Mitten und Höhen, die mir beide zu dominant sind.

Der beyerdynamic Over-Ear verträgt das allerdings auch richtig gut: Die Bässe bleiben präzise, die Höhen sind immer noch gut zu vernehmen und bleiben transparent. Das Ergebnis der Equalizer-Korrekturen ist, dass der T 70 p beim Hören für mich deutlich gefälliger klingt. Ohne diese Korrekturen würden mich die Höhen angesichts meiner hier sehr empfindlichen Ohren stören.

Was der T 70 p klanglich vermag, sei wieder an meinem 5-Song-Testparcours verdeutlicht:

  • Nickelback: „Bottoms Up“ (vom 2011er Album „Here and Now“): Ohne Equalizer klingt der Song ziemlich kratzig und hat mir zu wenig Druck. Doch sind die Bässe verstärkt, Mitten und Höhen etwas beschnitten, klingt der Nickelback-Song wie ein Rocksong klingen sollte, ohne breiig zu werden. Höhen wie bei den Becken des Schlagzeugs lassen sich präzise ausmachen, die Bässe bleiben trotz Betonung knackig.
  • FKA twigs: „Kicks“ (von 2014er Album „LP1“): Bei diesem komplizierten Song wird deutlich, dass der T 70 p eine wirklich hervorragende Detailauflösung und Raumstaffelung besitzt; mit keinem der hier getesteten anderen vier Kopfhörer macht dieser Song mehr Spaß – zumindest mit aktiviertem Equalizer. Der T 70 p entfaltet für einen geschlossenen Kopfhörer eine richtig große Bühne (die großen Ohrmuscheln machen eben doch Sinn!), die meiner Referenz AKG K812, der eine halboffene Bauweise hat, kaum oder gar nicht nachsteht. Ich bin beeindruckt.
  • Elliot Moss: „Highspeeds“ (vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 2015): Der Song bestätigt den Eindruck des letzten Songs: Auch hier sind alle Details des Songs gut herauszuhören: die gedoppelte Stimme, das gesamte Schlagzeug sowie alle sonstigen Instrumente. Nie matscht hier etwas.
  • Tori Amos: „Happiness is a Warm Gun“ (ein Beatles-Cover auf dem 2001er Album „Strange Little Girls“): Der übertriebene tiefe Bass des Songs wird im Großen und Ganzen gut abgebildet, fast ein bisschen dünn, was heißen könnte, dass der T 70 p mit den ganz tiefen Frequenzen leichte Schwierigkeiten hat. Aber meine Equalizer-Einstellungen mit der Bassbetonung sind hier vielleicht doch zu viel des Guten. Für die leichten Schwierigkeiten im Tiefbassbereich spricht, dass die Bassläufe, wenn dort etwas höhere Töne gespielt werden, klarer werden.
  • Foreigner: „Tooth and Nails“ (vom Album „Agent Provocateur“ aus dem Jahr 1984): Ohne Equalizer ist der Song auf dem T 70 p eher anstrengend, aber das ist nicht anders als bei den anderen Over-Ears des Vergleichstests. Mit den Equalizer-Korrekturen bekommt man einen gefälligen Song, dessen Schwächen im Mix – die übertriebene Mittenbetonung – gut ausgeglichen werden.

Der beyerdynamic T 70 p auf einem Kopfhörerständer || Foto: Ulf Cronenberg

Fazit

Ich hatte direkt nach dem Kauf den Eindruck, dass der beyerdynamic T 70 p eher leblos und zu analytisch zur Sache geht. Was in den viereinhalb Jahren, in denen ich den Kopfhörer habe, passiert ist, weiß ich nicht: ob sich meine Hörgewohnheiten verändert haben oder ob sich der T 70 p warmgespielt hat. Entscheidend war sicher aber, dass ich eine ordentliche Equalizer-App gefunden habe, die ich seit einem guten Jahr benutze. Fakt ist, dass der T 70 p neben meinem AKG K812 klanglich der eindeutig beste Kopfhörer ist, den ich besitze. Wie hier musikalische Details abgebildet werden, wie hier eine Bühne mit Tiefenstaffelung aufgebaut wird, ist für einen geschlossenen Kopfhörer erstaunlich.

Doch nicht nur klanglich kann der beyerdynamic T 70 p punkten. Er ist auch der Kopfhörer der fünf getesteten Over-Ears, der am bequemsten am Kopf sitzt. Langes Musikhören ist damit kein Problem. Und mal abgesehen davon, dass man da schon ein größeres Teil auf dem Kopf hat: Auch unterwegs kann man den T 70 p dank seiner geschlossenen Bauweise, die für eine einigermaßen gute Dämpfung von Außenschall sorgt, gut verwenden.

Perfekt ist der T 70 p trotzdem nicht. Mir gefällt nicht, dass er kein austauschbares Kabel hat – immerhin ist das Kabel dick und hinterlässt einen soliden Eindruck. Trotzdem, was ist bei einem Kabelbruch? Und beim Design kommt mir immer die Formulierung „ein wenig hausbacken“ in den Sinn. Das gilt auch für die unpraktische und billig wirkende Transporttasche, die zwar den T 70 p gut schützen dürfte, aber die indiskutabel aussieht und zu groß ist.

Der T 70 p wird nicht mehr im beyerdynamic-Shop gelistet – ist aber noch bei diversen Internetshops käuflich zu erwerben. Ob das heißt, dass der T 70 p eingestellt wurde oder oder wie beim beyerdynamic T1 demnächst eine 2. Generation angeboten wird, weiß ich nicht. Ich hätte gerne eine 2. Generation des T 70 p – und die Wunschliste der Verbesserungen lautet: austauschbares Kabel (auch eines mit Fernbedienungseinheit), überarbeitetes Design und eine hübsche und praktische Transporttasche. Beim Klang sollte eher nichts verändert werden.

Der beyerdynamic T 70 p ist für mich – das ist hoffentlich klar geworden – Testsieger in zwei Bereichen: beim Klang und beim Tragekomfort. Und das sind mir persönlich bei den Bewertungskriterien die wichtigsten.

Ulf Cronenberg

P. S.: Für den T 70 p gibt es im beyerdynamic-Shop fast alles an Ersatzteilen, u. a. die Ohrpolster und das Kabel (das aber, wie gesagt, keine Steckerverbindung hat, sondern gelötet werden muss). Das ist immerhin schon mal gut.

Und hier geht es zu den anderen Teilen des Vergleichstests (wird noch ergänzt):

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