Test: Beyerdynamic MMX 102 IE

Mich einen Kopfhörer-Fetischisten zu nennen, wäre vielleicht übertrieben – aber ich bin immer auf der Suche nach guten Begleitern für mein iPhone. Denn was gibt es Besseres, als unterwegs – zu Fuß, in der U/S-Bahn oder im Zug – gute Musik zu hören …

Zu den klangbesten Kopfhörern für iPhone & co, die ich auf der Ohrmuschel hatte, gehören Modelle wie der P7 von B & W oder der Beyerdynmic T70p, die ich gerne zu Hause anlege, um aus der Musik Details herauszukitzeln, die man sonst nicht hört. Für unterwegs sind mir diese Over-Ear-Kopfhörer jedoch zu monströs, außerdem isolieren Sie nicht gut genug den Umgebungsschall. Sitze ich also nicht zu Hause im Sessel, so verwende ich In-Ear-Kopfhörer.

Apples Earphones konnte und kann man schon immer vergessen … Die neuen EarPods, die meinem iPhone 5S beilagen, habe ich genau einmal ausprobiert, um sie sogleich wieder in ihre Schachtel zu verbannen. Sie sitzen weder gut am Ohr noch sind sie klanglich akzeptabel. Nach längerer Suche bin ich Ende 2009 bei den Beyerdynamic MMX 100 Individual gelandet, die vorher in der c’t in einem In-Ear-Kopfhörer-Test die besten Noten bekamen. Ich war sofort von deren Klang begeistert. In den letzten viereinhalb Jahren habe ich immer wieder mal andere Kopfhörer für unterwegs von verschiedenen Marken ausprobiert: Einigermaßen zufrieden war ich nur mit zweien:

  • Die Fischer Audio Consonance, die ich für 20 Euro (!) erstanden habe, kamen fast an die MMX 100 heran und haben einen großen Vorteil: Die individuellen Ohrmuscheln der MMX 100 (dazu später mehr) kann man hier auch verwenden.
  • Die C5 In-Ear-Kopfhörer von Bowers & Wilkins sind klanglich wirklich gut (vielleicht manchmal leicht zu schrill), aber ihre Passform lässt zu wünschen übrig. Bei Bewegungen rutschen sie leicht aus dem Ohr, außerdem drückt der Festklemmdraht an der Ohrmuschel schnell.

Meine Favoriten blieben also die Beyerdynamic MMX 100 mit ihren individuellen Ohrmuscheln (Otoplastiken), die man bei einer KIND-Filiale anpassen lassen muss. Die Otoplastiken sind wirklich ein Traum: Sie sind extrem bequem, egal, wie lange man sie trägt, sie filtern recht gut Umgebungsgeräusche heraus, lassen aber auch noch ein bisschen was durch, so dass man den Lastwagen, kurz bevor man überfahren wird, noch hören kann … (Leute, die keinen gut funktionierenden Ironiedetektor haben, müssen sich den Smiley hier denken.)

Mit den MMX 102 IE schickt Beyerdynamic nun den zweiten Nachfolger ins Rennen, und es wurde Zeit zu schauen, ob Beyerdynamic noch mal nachlegen konnte.

Test: Beyerdynamic MMX 102 IE

Abb. 1: Pressefoto der Beyerdynamic MMX 102 IE

Die Ausstattung

Die MMX 102 IE sind passende Begleiter fürs iPhone (natürlich auch für andere Smartphones) und kosten knapp 90 Euro. Im Gegensatz zu den 10 Euro günstigeren DTX 102 IE haben die MMX ein Mikrofon sowie einen Fernbedienungsknopf im Kabel, mit dem sich das iPhone in Grenzen steuern lässt: Man kann Telefonate annehmen und beenden, die Musik an- und ausschalten (je einmal Drücken), man kann den nächsten bzw. vorherigen Titel auswählen (zwei- bzw. dreimal Drücken) und man kann vor- und zurückspulen (zwei- bzw. dreimal Drücken und am Ende gedrückt halten).

Im Lieferumfang befinden sich außerdem ein Skype-/VoIP-Adapter (wohl für Computer mit getrennten Mikrofonein- und Audioausgang – so was kennt man als Mac-User nicht), Ohrpassstücke in drei Größen, ein Kabelclip sowie ein Softcase mit Schnappverschluss (so nennt Beyerdynamic das).

Wer die individuellen Ohrformstücke (Otoplastiken) haben will, muss noch mal 120 Euro drauflegen. Dafür kann man bei Beyerdynamic einen Gutschein ordern, geht damit zu einer KIND-Filiale und lässt sich dort die Ohrmuscheln ausgießen. Nach ein bis zwei Wochen kann man die an die individuelle Ohrmuschel angepassten Otoplastiken dann abholen. Diese kann man immerhin länger verwenden, meine vor viereinhalb Jahren gefertigten Otoplastiken passen auch auf die MMX 102 IE – so weit, so gut.

Test: Beyerdynamic MMX 102 IE

Abb. 2: Die individuellen Ohrpassstücke für die MMX 102 IE

Was die MMX 102 IE von den MMX 100 unterscheiden soll, sind vor allem drei Dinge: Die Rezeptur für das Kabel wurde verbessert, so dass es sich weniger schnell verheddern soll, der Klang soll noch einmal verfeinert worden sein und schließlich ist die Freisprecheinheit überarbeitet worden.

Licht- und Schattenseiten

Bevor ich auf den Klang der MMX 102 IE zu sprechen komme, sei das Modell an sich noch einmal unter die Lupe genommen. Was mir an den MMX 100 über die Jahre hinweg nicht so zugesagt hat, waren einige Dinge: Zum einen hatte ich nach einem knappen Jahr Gebrauch immer irgendwann einen Wackelkontakt am Kabel (und so hatte ich über die Jahre hinweg drei oder vier Modelle): entweder am Audiostecker oder an den Kabelendungen vor der Höreinheit. Sehr robust sind die Kabel also nicht, obwohl ich eigentlich recht pfleglich mit meinen Kopfhörern umgehe. Sie werden aber natürlich immer wieder aufgerollt, in Taschen verstaut etc. – was man halt mit Kopfhörern so macht.

Richtig zufrieden war ich auch nicht mit der Freisprech-Fernbedienung: Der Klang des Mikrofons ist gut, aber der Druckpunkt des Fernbedienungsknopfs ist zu unbestimmt und nicht wirklich zuverlässig.

Hat Beyerdynamic hier bei den MMX 102 IE nachgebessert? Was die Haltbarkeit des Kabels und der Stecker angeht, kann ich natürlich noch nichts sagen – das wird sich mit der Zeit herausstellen, allerdings sind die Kabel(verbindungen) und Stecker gleichaussehend, so dass ich vermute, dass auch die MMX 102 IE keine Kopfhörer für die Ewigkeit sein werden, sondern irgendwann ausgetauscht werden müssen. Dass das Kabel im Vergleich zu den Modellen anderer Hersteller relativ wenig Geräusche beim Kontakt mit Kleidung aufnimmt, sei positiv vermerkt.

Test: Beyerdynamic MMX 102 IE

Abb. 3: Der Audiostecker der MMX 102 IE (links) und der MMX 100 (rechts) im Vergleich

Die Freisprech-Fernbedienung gefällt mir aber noch immer nicht. Der Knopf für die Fernbedienung ist größer, lässt sich auch leichter mit Handschuhe ertasten, aber der Druckpunkt ist nach wie vor nicht richtig gut, wenn auch besser als bei den MMX 100. Das dreimalige Drücken, um zum Anfang eines Songs oder zum vorherigen Titel zu springen, gelingt mir damit nicht zuverlässig. Und was mir absolut fehlt, ist in der Fernbedienungseinheit eine Lautstärke-Wippe. Die C5 von B & W haben sie zum Beispiel. Keine Ahnung, warum Beyerdynamic sie nicht integriert. Es ist jedenfalls unkomfortabel, dass man immer sein iPhone herausholen oder in der Tasche nach den Lautstärke-Buttons fummeln muss, um die Lautstärke nachzujustieren.

Test: Beyerdynamic MMX 102 IE

Abb. 4: Die Fernbedienung mit Mikrofon von MMX 102 IE (links) und MMX 100 (rechts) im Vergleich

Dass die MMX 102 IE wieder einen Kabelclip zum Anbringen an Jacken, Shirts oder Hemden mitbringen, gefällt mir dagegen sehr gut. Das Aussehen der In-Ears ist außerdem zeitlos und filigran – hier wird nicht dick aufgetragen, sondern wohlwollendes Understatement geboten. (Dennoch: Die stylishsten, allerdings recht augenfälligen In-Ear-Kopfhörer sind für mich nach wie vor die Beats by Dr. Dre Tour mit ihrem roten Flachkabel – klanglich spielen sie aber höchstens in der 2. Liga, wenn nicht darunter. Ich habe sie jedenfalls wieder verkauft.)

Der Klang

Was mich bei den MMX 100 überzeugt hatte, war der ausgewogene Klang. Die In-Ear-Kopfhörer klingen nie schrill und kommen mit jeder Art von Musik zurecht. Es gibt Kopfhörer, die die Ohren nach 20 oder 30 Minuten übersättigen (so geht es mir zum Beispiel mit den C5 von B&W) – bei den Beyerdynamic war das nie der Fall. Und das gilt auch für die MMX 102 IE. Sie sind wieder beispiellos ausgewogen, wirken nie aufdringlich und geben für In-Ear-Kopfhörer sehr detailliert auch Musikinstrumente aus dem Hintergrund wieder.

Test: Beyerdynamic MMX 102 IE

Abb. 5: Die aus dem beigelegten Softcase herausspitzenden Beyerdynamic MMX 102 IE

„Parasol“ von Tori Amos „The Beekeeper“, das ich beim Probehören im Shuffle-Modus angespielt habe, hat zum Beispiel auf der linken Seite eine Hi-Hat, die sich von Beginn an, wo der Song ruhig ist, sehr präsent zeigt. Auch wenn später Bass und Gitarre dazukommen, bleibt die Hi-Hat mit den MMX 102 IE immer hörbar. So soll es sein.

Ein anderer Titel, mit dem ich die MMX 102 IE genauer unter die Lupe genommen habe, war der „Gui Boratto Remix” von Massive Attacks „Paradise Circus“ – ein Stück mit prägnantem Bass und Schlagzeug. Auch hier können die MMX 102 IE überzeugen: Bass und Schlagzeug kommen sehr präzise und gut definiert herüber, klingen dabei nie aufdringlich oder überbordend. Im Bassbereich übersättigte Kopfhörer gehen hier schnell in die Knie und klingen matschig.

Ich habe beide Stücke mehrfach mit meinen bisherigen In-Ear-Favoriten angehört – den Fischer Audio Consonance und den MMX 100 (jeweils mit den Otoplastiken). Es ist nicht einfach, hier Unterschiede auszumachen. Die Consonance klingen im Bassbereich vielleicht am verwaschensten, die MMX 100 sind minimal bassbetonter als die MMX 102 IE, am besten definieren den Bass aber die MMX 102 IE. Er bleibt immer transparent. In den Höhen und Mitten schenken sich die drei Modelle dagegen nicht viel – sie bleiben stets ausgewogen und hörfreundlich.

Fazit

alpendeich-Redaktionstipp

Klanglich haben mir die Beyerdynamic MMX 102 IE sehr gut gefallen. Die Verbesserungen zu dem Vorvorgänger sind nicht weltbewegend und betreffen vor allem die etwas präziseren Bässe. Ansonsten behalten die MMX 102 IE die Stärken der MMX 100. Kurzum: Sie sind meine neuen Standard-In-Ears für unterwegs. Klanglich bessere In-Ear-Kopfhörer, die allen Musikrichtungen gerecht werden, kenne ich bisher nicht.

Was mich dennoch etwas stört, ist, dass Beyerdynamic sich zu wenig um die Beigaben exzellenter Kopfhörer kümmert: Solidere Kabel, eine bessere Fernbedienung sowie ein Lautstärkeregler tun not und werde ich weiterhin vermissen. Das sind die Kompromisse, die ich eingehen muss – aber letztendlich geht für mich persönlich der Klang vor.

Ulf Cronenberg

P. S.: Wer es übrigens ernst mit Tragcomfort und Klang meint, der sollte sich für 120 Euro die individuellen Ohrpassstücke gönnen – die kann ich nur dringend empfehlen! Das ist kein rausgeschmissenes Geld …

Veröffentlicht von

Was Apple und Zubehörhersteller so alles treiben, interessiert mich schon lange. Und ab und zu habe ich etwas dazu – wie zu einigem anderen, wenn es um Musik oder Fotografie geht – zu sagen …

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Das liest sich gut! Müssen es diese speziellen Otoplastiken sein oder kann man auch andere (z. B. die für die Hearsafe Serie) nutzen? Die hätte ich bereits.

    • Markus, da bin ich leider überfragt, denn ich weiß nicht genau, welche Otoplastiken bei der Hearsafe-Serie verwendet werden. Vielleicht mal bei Beyerdynamic nachfragen?
      Gruß, Ulf

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