iPad vs. MacBook – eine Erwiderung

„Dampfmaschine gegen Captain Kirk“, hat Jörn geschrieben. Das MacBook ist die Dampfmaschine, das iPad Captain Kirk (nur am Rande im Besserwissermodus: Passender wäre der Vergleich gewesen, wenn die Dampfmaschine mit dem Warp-Antrieb oder mit Raumschiff Enterprise verglichen worden wäre …). „Nautilus gegen Orion“ – das mag witzig klingen, aber ist ansonsten nichts außer Polemik. Warum?

Schlagkräftige Argumente für das iPad außer der besseren Portabilität und der intuitiveren Finger-Bedienung (die sind wir ja schon seit dem Neanderthaler-Zeitalter gewohnt) enthält Jörns Artikel ja eigentlich nicht. Mein MacBook Pro wacht aus dem Ruhezustand (eines von Jörns vermeintlichen Argumenten für das iPad) z. B. fast genauso schnell wie das iPad auf – in ca. zwei Sekunden – und hat dabei noch alle sieben geöffneten Programme weiterhin offen. Beim iPad sieht man gerade mal eine App.

Erst mal grundsätzlich: Jeder soll natürlich das Gerät als Zweitrechner verwenden, das zu ihm passt. Wenn das ein iPad Air oder iPad Pro ist, kein Problem. Mit der Vorstellung des iPad Pro hab ich mir die Frage auch gestellt: Kann das iPad Pro mein MacBook Pro (13 Zoll, Retina-Display, SSD mit 512 GB, 16 GB RAM) ersetzen? Aber meine Antwort war recht schnell klar. Das kann es (leider!?) nicht. Und der Grund ist kurz zusammengefasst: Für einen Power-User wie mich, als der ich mich definiere, hat das iPad (Pro) zu viele Einschränkungen. Und die will ich jetzt mal durchgehen:

Meine Dokumente-Ordner auf dem iMac und MacBook Pro, die ich synchron halte, enthalten über 57.000 Dateien. Gut, da sind Dateien dabei, die ich unterwegs nicht brauche. Aber mein Ordner mit allen Textverarbeitungs- und Präsentationsdateien hat 23.000 Objekte. Wie soll man 23.000 Dateien auf einem iPad ohne Finder ordentlich organisieren? Das kann man vergessen; ich will aber, wenn ich unterwegs bin, auf alle Dateien Zugriff haben und will da nicht vorher auswählen müssen, was ich einpacke, was nicht.

Klar ist für mich: iOS ist ein Krücken-Betriebsystem, das seinen Charme hat, das mich aber entmündigt, das mir zu wenig Möglichkeiten lässt; beschnitten, für Consumer erdacht und gemacht, aber nicht für Leute, die tausende Dateien verwalten und beherrschen wollen. Ich muss auch unterwegs mal eine Präsentation erstellen oder bearbeiten. Klar, wenn ich nur einige Wörter ändern muss, geht das auch auf dem iPad in Keynote; aber eine ganze Präsentation mit Bildern oder Videos in einem ansprechenden Layout von der Pike auf erstellen? Das möchte ich doch nicht ohne Maus und ordentliche Tastatur machen. Mag sein, dass der Pencil fürs iPad Pro als Maus-Ersatz in Zukunft keine schlechte Figur machen wird. Das muss sich zeigen …

Gleiches gilt übrigens für die neue iPad-Pro-Tastatur. Ich bin Schnell- und Viel-10-Finger-Tipper. Ich bin mir nicht sicher, ob das Tippen mit der neuen iPad-Tastatur genauso schnell von der Hand gehen wird. Die Bildschirmtastatur in iOS ist jedenfalls ein Graus und taugt höchstens für kurze Nachrichten …

Was noch? Das größte iPad (ob Air oder Pro) hat 128 GB Speicherplatz. Das reicht mir leider nicht für unterwegs. Mein MacBook Pro hat 512 GB, und da sind derzeit noch knapp 100 GB frei. Es ist einfach gut, wenn ich möglichst viele Dateien mit mir rumschleppen kann – auf dem iPad ist da schnell das Ende der Fahnenstange erreicht, selbst bei 128 GB derzeit maximaler Größe.

Aber mit meinem MacBook Pro geht noch mehr, wo das iPad versagt: Es laufen Pro-Programme wie Logic oder Final Cut, Photoshop und Indesign … Ich kann über USB oder Thunderbolt eine externe Festplatte anschließen – da kann ohne Probleme ein kleines Kästchen mit 2 weiteren TB mitgeschleppt werden. Wer viele Fotos hat, wer vor allem Videos im Kasten hat, die er unterwegs braucht, der kann das mit einem iPad vergessen. Ich meine, Apple könnte dafür sicher eine Lösung finden, wie sich externe Speichermedien integrieren ließen – aber das ist wohl nicht gewünscht. Warum? Meine Vermutung: Apple will, dass wir ein MacBook und ein iPad kaufen …

Weitere Kleinigkeiten seien genannt, die für das MacBook Pro sprechen:

  • Ich kann meinen Bildschirm kalibrieren.
  • Mein gut ausgestattetes MacBook Pro ist nicht viel teurer als ein ordentlich ausgestattetes und trotzdem mit Kompromissen behaftetes iPad Pro.
  • Ich kann ohne Probleme 10 oder mehr Programme gleichzeitig laufen lassen, Texte, Bilder etc. einfach über Copy & Paste hin- und herbewegen.
  • Ich kann über Tastaturbefehle, Makros etc. viele komplexe Dinge schnell und effizient erledigen. Vieles lässt sich konfigurieren und personalisieren: z. B. kann ich in OS X einem Menü-Befehl ein Tastaturkürzel zuweisen.
  • Ich kann einen externen Bildschirm anschließen und mein MacBook Pro so fast zum Desktop-Rechner machen.

Was bleibt? Das iPad (ich habe übrigens – das sei vielleicht erwähnt – ein iPad Air) ist ein Kompromiss, angenehm zum Lesen, angenehm zum Webseiten-Checken, zum Lesen von Mails, zum Spielen zwischendurch (wer das mag) und manch anderes. Ich möchte das iPad auch nicht missen. Aber schon beim Beantworten von Mails, um nur noch ein Beispiel zu nennen, gibt es für mich unakzeptable Einschränkungen: Schon mal aus einer Präsentation mit dem iPad eine pdf-Datei gemacht und diese dann per Mail auf dem iPad verschickt? Unmöglich – wie vieles andere …

Was ich mir wünsche: dass Apple sich mal Gedanken macht, wie eine wirklich gelungene Verschmelzung von iPad und MacBook aussehen könnte. Ein MacBook mit Touch-Display, dessen Display man umklappen kann. Oder ein iPad, das sich mit einer Maus versteht. Ein iPad, das unter OS X läuft – das hätte ich mir für das iPad Pro gewünscht (da ist Microsoft übrigens mit dem Surface einen Schritt weiter). Aber Apple will das nicht. Über den Grund dafür habe ich ja schon weiter oben Vermutungen angestellt.

Ach ja, Jörn, noch mal zu dir. Werde glücklich mit deinem iPad als Zweitrechner. Ich würde es nicht werden. Aber sei dir sicher: Ich kann mit meinem MacBook Pro unterwegs vieles effizienter und mit mehr Freude erledigen als du mit deinem iPädchen.

Ulf Cronenberg

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Was Apple und Zubehörhersteller so alles treiben, interessiert mich schon lange. Und ab und zu habe ich etwas dazu – wie zu einigem anderen, wenn es um Musik oder Fotografie geht – zu sagen …

6 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Einen Nachteil, den Du anführst, empfinde ich als Vorteil, nämlich dass das iPad kein „echtes“ Multitasking kann, bzw. ich nur eine App offen haben kann Stand aktuell, wie dass mit dem neuen Upgrade und dem iPad Pro wird kann ich nicht beurteilen).

    Aber statt wie früher auf dem Macbook einen Song in Logic zu arrangieren, nebenher einen Artikel zu verfassen und ständig seine e-Mails, Twitter und Facebook zu checken kann ich jetzt eben nur in einer Anwendung arbeiten und mich auf das wesentliche konzentrieren.

    Wobei ich zugeben muss, ich habe auch den ganzen Benachrichtigungswahnsinn auf dem iPad abgestellt.
    Wobei natürlich Excel-Sheets auf dem iPad zu bearbeiten, dafür ist das Teil echt nicht gemacht.

      • Hallo Ulf,

        Ich arrangiere natürlich keine Songs auf dem iPad, sondern wenn, dann auf meinem Studiorechner.
        Ich wollte mit meinem Statement zum Ausdruck bringen, dass die vielfältigen Möglichkeiten eines MacBooks oft auch dazu führen können, dass man (in dem Fall ich), viele Dinge parallel tut, was am Ende aber der Konzentration auf das wesentliche abträglich sein kann.

        Bestimmt kennt das jeder: man möchte auf dem Laptop einen Song arrangieren/Video schneiden/Bild bearbeiten, doch am Ende des abends hat man unzählige E-Mails beantwortet, ge-facedbooked, ge-twittert, am Ende kam man aber nicht zum Musik machen …

        Musikmachen am Laptop überall und mobil funktioniert für mich nicht wirklich. Deshalb setze ich mich in mein Heimstudio und mache „mein Ding“ am Mac.

        Mail hab ich da in den letzten Monaten nur sehr selten geöffnet. E-Mail, Twitter und Co. laufen fast nur noch übers iPad. So habe ich eine Trennung und kann mich je nach Gerät auf das konzentrieren, was ich will.

        Will ich Musik machen, lass ich das iPad im Wohnzimmer liegen und komme erst gar nicht in die Versuchung, mich ablenken zu lassen.

  2. Wobei ich Dir natürlich recht gebe: Gerade von Apple würde auch ich mir ein MacBook mit Touchfunktion wünschen, dass ein „richtiges“ OS X mit an Bord hat und das man je nach Anwendung über Touchoberfläche oder über Tastatur und Maus bedienen kann. Und auch mir erschliesst es sich nicht, weshalb Apple hier Microsoft des Markt so mir nichts Dir nichts überlässt.

    Ich hab mir das Surface Pro angeschaut und muss sagen: Gar nicht so übel! Apple muss hier aufpassen, dass Sie nicht von Microsoft stehen gelassen werden … Na ja, dafür hapert es in Redmond ja bei den Smartphhones 🙂

    • Bei uns an der Schule gibt es inzwischen einige Kollegen, die ein Surface Pro haben und das ist ihr Laptop – ich finde die Teile auch nicht so schlecht, auch wenn sie unter dem falschen Betriebssystem laufen und von Microsoft sind. Aber ich hätte mir, wie gesagt, OS X auf einem iPad Pro gewünscht. Da hätte ich ernsthaft überlegt, ob das mein MacBook ersetzt.

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