Eine Woche mit iOS 7

Am Tag nach dem Erscheinen von iOS 7 letzte Woche war ich ziemlich enttäuscht und genervt vom neuen Betriebssystem für mein iPhone und mein iPad. Eine Woche später nach einem ausführlichen Praxistest sehe ich doch einiges anders. Und was nicht zu glauben war, ist passiert: Auf den 25. Blick habe ich mich doch noch in iOS 7 – trotz kleiner Hakeligkeiten – verliebt. Warum?

Es gibt da einige Dinge, die ich nach einer Woche nicht mehr missen möchte: allem voran das Kontrollzentrum. Das Ein- und Ausschalten von Flugmodus, WLAN, Bluetooth, ohne in die Einstellungen gehen zu müssen, ist eine Funktion, die mir viele Fingertipps spart; und das Ganze funktioniert ja auch vom Sperrbildschirm aus. Dass ich auf dem iPhone die Mobilen Daten so nicht aktivieren und deaktivieren kann, stört mich noch immer. Da würde mir eine Nachbesserung (die sicher nicht in iOS 7 kommt) gefallen …

ulf_kontrollzentrum

Die Bedienung von iOS ist ansonsten ja im Wesentlichen gleich geblieben, und sie war ja auch bisher nicht zu verachten. Dass Spotlight nun nicht mehr auf einem eigenen Bildschirm links vom ersten Home-Screen aufgerufen wird, sondern das Suchfeld am oberen Rand des Home-Bildschirms erscheint, wenn man mit dem Finger nach unten streicht, ist keine große Änderung. Man kommt nun allerdings von jeder Seite der Icon-Übersicht zur Suche. Gut so. Aber wie oft habe ich die Funktion im letzten Jahr eigentlich genutzt? Kann ich an den Fingern meiner beiden Hände abzählen …

Das Multitasking wurde auch nicht wesentlich verändert. Es sieht jetzt mit den Vorschaubildchen hübscher und übersichtlicher aus. Aber ansonsten tut es, was es vorher auch getan hat.

Und damit kommen wir zu dem, was vor allem eine große Überholung erfahren hat: die Benutzeroberfläche. Das Klickibunti, wie ich es genannt habe, sieht, ein bisschen an die eigenen Wünsche angepasst, richtig schmuck aus. Da sind z. B. die dynamischen Hintergrundbilder für den Sperr- und Homebildschirm. Ich mag es einfach, wenn die Kreise auf meinem Sperrbildschirm den Fokus und die Stellung verändern.

Die ganze Animationen (aufpoppende Apps, Sperrbildschirm entfernen etc.) verlangsamen sicher leicht den Arbeitsfluss, aber zugleich erfreuen sich meine Augen daran. Dass auf Apps, die gerade aktualisiert werden, nicht mehr ein Ladebalken, sondern ein sich füllendes Kreis-Overlay zu sehen ist, sieht schick aus. iOS 7 kennt viele solcher netten Spielereien.

Dringend Überholungsbedarf gab es bei der App Musik auf dem iPad, die in iOS 6 benutzerunfreundlich war und schrecklich zusammengestöpselt ausgesehen hat. Die Mediathek macht nun endlich wieder etwas her und lässt sich besser bedienen.

ulf_ios7_musik

Es sind die Kleinigkeiten, die man auch hier bewundern darf: das dezente iCloud-Symbol zum Runterladen von Songs (rechts oben im Screenshot), die in iTunes Match vorliegen; oder die hüpfende Balkenanzeige vor dem Song, der gerade abgespielt wird (links eher unten). Solche Designdetail-Perlen findet man in iOS 7 allerortens.

Aber es gibt auch Design- und Bedienungssünden. Dass viele Buttons nicht mehr umrundet sind, sondern nur noch eine Textanzeige da steht, ist schwer verständlich. Hätte man nicht noch einen Rahmen zur Verdeutlichung hinzufügen können? Man nehme nur die Entsperranzeige auf dem iPad.

ulf_ios7_codeanzeige

Wo bitte muss man nach Eingabe des Codes hintippen, um ihn zu bestätigen? Es hat gute 10 Sekunden gedauert, bis mir klar war, dass da oben neben dem Eingabefeld ein kleines „OK“ steht, auf das ich meinen Finger legen muss. Dieses OK-Feld ist zu klein, es ist nicht von einem Rahmen umgeben und somit als Button gekennzeichnet. Wenig intuitiv.

Was mich nach wie vor vor allem stört, ist die Systemschrift Helvetica Neue. Sie sieht auf großen Flächen wie dem Sperrbildschirm, wo es kaum Text gibt, elegant aus. Aber sie ist keine gute Leseschrift für längere Texte. Man nehme z. B. die Nachrichten-App. Die Sprechblasen sind einfach schlecht zu lesen (vor allem wenn der Hintergrund blau ist, die Schrift weiß). Gleiches gilt für die Mail-App. Dort hat man die Lesbarkeit zwar verbessert, indem man die Schriftgrößen und den Zeilenabstand recht groß gehalten hat, dafür muss man bei längeren Mails nun viel öfter nach unten scrollen.

Das Fazit nach einer Woche

Jonathan Ive hat mit seinem Team doch einiges geleistet – und das ist mir nach den ersten Stunden mit iOS 7 nicht so ganz klar gewesen. iOS 6 mit seinen Skeuomorphismen (Nachbildungen von echten Oberflächenstrukturen wie z. B. Leder auf dem Bildschirm – man denke an das grausige Spieltisch-Design des alten Game Centers) sieht inzwischen richtig altbacken aus, die blauen Buttons von iOS 6 wirken nunmehr plump. Stattdessen haben wir mit iOS 7 ein modern wirkendes System, das mich anfangs mit seinen grellen Farben etwas erschlagen hat, das mit den richtigen Einstellungen (z. B. bei den Hintergrundbildern) aber richtig gut aussieht.

iOS 7 ist nicht immer ganz stabil, ich habe schon Grafikfehler im App Store oder anderen Apps entdeckt. Apps verabschieden sich auch häufiger als unter 6.1.3. Aber für eine Nullerversion ist das so in Ordnung – diese Fehler kommen nur selten vor und werden wohl in Updates bald gefixt.

Nach meiner anfänglichen Enttäuschung und den großen Bedenken freue ich mich inzwischen jedes Mal, wenn ich mein iPad oder iPhone zur Hand nehme. Und das liegt an iOS 7. Vor einer Woche hätte ich das nicht gedacht.

Ulf Cronenberg

  • Veröffentlicht in: iOS

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Was Apple und Zubehörhersteller so alles treiben, interessiert mich schon lange. Und ab und zu habe ich etwas dazu – wie zu einigem anderen, wenn es um Musik oder Fotografie geht – zu sagen …

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Hi Ulf,

    sehr schönes Fazit; kann ich fast vollkommen unterschreiben – vor allem den Teil mit den mobilen Daten im Kontrollzentrum. Das müsste eigentlich noch rein.

    Eine Sache: „Das Multitasking wurde auch nicht wesentlich verändert. Es sieht jetzt mit den Vorschaubildchen hübscher und übersichtlicher aus. Aber ansonsten tut es, was es vorher auch getan hat.“

    Das sehe ich anders. Die Apps lassen sich jetzt durch „Hochwischen“ (also die Vorschaubildchen „wegwerfen“) schließen, was ich deutlich komfortabler finde als die „Lang drücken -> Finger runternehmen -> auf das rote Symbol drücken“-Geschichte, die vorher nötig war. Es geht zwar nur minimal schneller, aber ich bin absolut kein Freund von irgendwelchen „gedrückt halten“-Dingern…

    – Dom

    • Hallo Dom, stimmt, das Wegwischen der Apps bei der Multitasking-Übersicht ist komfortabler.
      Gruß, Ulf

  2. Hi Ulf,

    Ich konnte mich ja dank Beta schon ein wenig eher an das neue Design gewöhnen – zumindest auf dem iPhone. Mit der Schrift habe ich überhaupt keine Probleme, zumal man sie nun auch zentral größer stellen kann 😉

    Sehr gut finde ich übrigens, dass man nun sämtliche in iTunes gekaufte Musik streamen kann, ohne sich die Musik auf das Gerät raufspielen zu müssen. Ohne iTunes-Match-Abo 😉 Schön wäre es gewesen, wenn das auch bei den gekauften Videos ginge, aber leider geht das bisher nur für Musikvideos.

    Was mich ein bisschen nervt, ist die Bedienung des Control Center. Nicht gerade selten ziehe ich mir diese in Safari hoch, obwohl ich nur scrollen wollte. Naja, muss ich wohl ein bisschen mein Scrollverhalten ändern.

    Und zum Multitasking: die größten Neuerungen liegen da eher unter der Haube und sind gar nicht sichtbar. Mehr Hintergrundprozesse machen z.B. auch die automatischen App-Updates möglich. Und als kleiner Trick noch… Um Apps komplett zu schließen, kann man nun dank Multitouch auch wenigstens gleich die zwei sichtbaren Apps in der Taskansicht beenden 😉 Alle gleichzeitig geht ja leider noch immer nicht.

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